Bernd Backhaus

Woche Eins in der Suppenküche unter den Beschränkungen von Corona

Nachdem wir schon seit den ersten Nachrichten der Ausbreitung des Corona-Virus auch in Deutschland unseren Gästen die wichtigen Hygienehinweise in den verschiedenen relevanten Sprachen aktuell in Erinnerung gerufen hatten, änderte diese Woche nun das gesamte Gefüge der Suppenküche. Täglich gibt es neue Entwicklungen, auf die auch wir reagieren müssen, aber die Entscheidungen, die wir vergangenen Freitag für das jetzige Funktionieren der Suppenküche getroffen habe, tragen:

  • Die Hygienestation und die Kleiderkammer bleiben wegen der Ansteckungsgefahr geschlossen.
  • Der Saal der Suppenküche ist geschlossen und nur jeweils für einen einzelnen Gast für den Gang zur Toilette zugänglich.
  • Frau Rothe ist für die Sozialberatung weiter im Haus, bringt sich nun aber vermehrt in die konkrete Arbeit der Küche mit ein.
  • Wir schmieren Brote für alle Gäste, die sich noch an uns wenden, geben Tee dazu aus und achten dabei bei uns Mitarbeitern und – soweit es uns möglich ist – auch bei den Gästen auf den gebotenen Mindestabstand.
  • Die Ausgabe von Brot und Tee erfolgt im Innenhof, aus dem wir alle Sitzgelegenheit entfernt haben, um den Aufenthalt der Gäste in Gruppen dort so kurz wie möglich zu halten.

Damit möchten wir wenigstens die Minimalversorgung für alle ermöglichen, die weiterhin hungrig und jetzt in der Krise genauso irritiert sind wie der Rest der Bevölkerung – und die natürlich auch sehen, wie die Geschäfte leergehamstert werden, die aber keine Möglichkeit haben, ihre eigene Sorge mit Hamsterkäufen zu beruhigen.

Mitarbeiterinnen der Suppenküche freuen sich über eine Spende von Hygenematerialien: Desinfektionsmittel, Handschuhe, Mundschutz. Danke! Bild von Bruder Christoph.

Wir sehen von Tag zu Tag, wie die Zahl der Gäste auf einem konstanten Niveau bleibt – weniger als sonst, natürlich vermissen die Gäste sowohl die warme Suppe als auch die Behaglichkeit des Saales, und wer sich anderweitig organisieren kann, tut dies. Während wir sonst bei etwa 200 Gästen pro Tag liegen, sind es nun zwischen 100 und 150 Gäste, die sich mittags in der Zeit zwischen 12:45 und 14:30 Uhr einfinden.

Von dem Brot, das wir aktuell gespendet bekommen, können wir auch morgens schon etwas draußen bereitstellen. Im Laufe des Vormittags sieht man dann immer wieder mal einzelne Menschen kommen, sich mit Brot eindecken und wieder weiterziehen. In der Mittagsausgabe ist es für uns wichtig, dass es wirklich für jeden Gast das Gleiche gibt, sodass wir den Gästen sagen können, dass es im Ausgabezeitraum egal ist, wann sie kommen und auch hier der Abstand zueinander gewährleistet bleiben kann.

Wir alle müssen gerade lernen, wie man sich jetzt in der Krise verhält. Die spontane Reaktion ist es, näher zusammen zu rücken und den Schutz der Herde zu suchen. Während viele von uns in ihren Kernfamilien, mit denen sie in einem Haushalt leben, noch die Möglichkeit haben, dies zu tun – was auch mit spezifischen Herausforderungen verbunden ist –, ist für unsere Gäste genau das oft gar nicht möglich, da sie niemanden haben, an den sie privat heranrücken können. Viele nehmen auch genau deswegen täglich den Weg in die Suppenküche auf sich und suchen die Gemeinschaft, die auch dort zum Schutz aller jetzt notgedrungen Distanz halten und wahren muss.

Viele unserer langjährigen ehrenamtlichen Mitarbeiter sollten uns nun aktuell nicht mehr unterstützen, da sie selber zur Hochrisikogruppe gehören. Deswegen war es sehr gute Fügung, dass uns für die verbleibenden Dienste in den ersten Tagen der Woche bereits einige Anfragen aus dem Kiez erreichten, ob es möglich und nötig sei, uns nun tatkräftig zu unterstützen. Auch damit kann unser Angebot gerade jetzt weiter aufrechterhalten werden.

Daneben bekamen wir auch besorgte Nachfragen und sogar Hilfeangebote von verschiedenen Politikern, mit denen wir im Kontakt stehen, vom Bezirksbürgermeister und auch vom Ministerium für Arbeit und Soziales, dazu auch von einigen Journalisten, die nach einer Einschätzung der aktuellen Lage aus unserer Sicht fragten. Mehr denn je drängt es uns, allen Mitmenschen mit Herz (allem voran den Hamsterkäufern) zuzurufen: Denken Sie an die Menschen um sich herum! Noch können wir als Suppenküche für die zu uns kommenden Menschen minimal sorgen; sollte uns eine infektionsbedingte Quarantäne treffen oder behördliche Anordnungen unser weiteres Angebot verunmöglichen, bleibt trotzdem der Hunger. Öffnen Sie die Augen, wen Sie in erreichbarer Umgebung sehen, der schlechter versorgt ist als Sie.

Viele unserer Gäste sind sehr freundlich und dankbar für die empfangene Hilfe. Einige sind auch verschlossen, manche sogar garstig. Auch garstige Menschen haben Hunger. Vereinbaren Sie Übergaben von Lebensmitteln, backen oder kochen Sie etwas Gutes und stellen es zu je klar kommunizierten Zeitpunkten an abgesprochene Orte. Lassen Sie Ihre Fantasie spielen und nutzen Sie die Zeit, von der einige von uns jetzt mehr haben als sie eigentlich möchten, für den kreativen Aufbau sozialer Kontakte vor Ort auf Distanz.

Jetzt zum Ende der Woche kamen dann noch einmal ganz andere, konkrete Anrufe und Mails mit Anfragen und Angeboten:

  • eine Kita aus der Nachbarschaft, die bestimmte Lebensmittel auf absehbare Zeit nicht mehr verarbeiten kann, brachte diese vorbei;
  • eine junge Frau erkundigte sich, was wir gerade aktuell noch brauchen und brachte eigens gekaufte Butter, Margarine und Aufschnitt für die Stullen;
  • ein Caterer brachte (unter anderem) große Mengen Eisbergsalat mit Dressingflaschen, die wir direkt an die Gäste weitergeben konnten;
  • die Galeries Lafayette schließen vorübergehend und die uns ohnehin immer schon unterstützenden Lebensmittelretter sorgten auf ihre Weise dafür, dass unsere Brote mit hochwertigem Belag aus diesem Haus versorgt werden;
  • und eine Cupcakebäckerin, die uns schon zu Beginn der Woche eine nicht mehr abgenommene Bestellung brachte, ist dazu übergegangen, ihn ihrem Sortiment eine Variante ihres Angebotes zu unseren Gunsten zu machen

Unsere ganze Gesellschaft, man möchte sagen die ganze Welt fährt gerade auf Sicht und versucht von Tag zu Tag zu verstehen, was jetzt richtig ist und wie wir verantwortungsvoll durch die kommenden Wochen gehen können. Auch wir tun das und müssen dabei auch immer neu adjustieren, wo gerade ein Mehr oder ein Weniger sinnvoller ist, als es uns eben noch schien. Mehr denn je wissen wir uns dankbar getragen von den Vielen, für die unsere Arbeit so wichtig ist, dass sie uns dafür unterstützen: Im Gebet, finanziell, tatkräftig. Alles trägt dazu bei, dass die Suppenküche auch und gerade jetzt als Leuchtturm für die Zuwendung zu den Bedürftigsten weiter strahlen kann.

Danke dafür!

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